Kramers letzte Weihnacht (German)
Kramer schwitzte. Das Hemd klebte an seinem Rücken. Es fiel ihm immer erst am Ende eines jeden Konzertes auf, wie sehr er doch schwitzte. Nach all den Jahren war es ihm aber immer noch peinlich und er hoffte, dass niemand die Flecken sehen konnte, die sich auf seinem Hemd abzeichneten. War er doch Dirigent und keiner dieser Marathonläufer oder schlimmer noch Fußballer. Es schüttelte ihn. Für Kramer lag Arbeit im Geist und nicht im Körper. Besonders nicht in seinem, den er eher als notwendiges Übel über die Jahre kennen gelernt hat. Während andere Dirigenten ihre Arme nach oben rissen, mit oder ohne Flecken, hatte Kramer es sich zur Gewohnheit gemacht, sich mit verschränkten Armen zu verbeugen. Er wirkte dabei wie ein fernöstlicher Guru, der in sich und dem Universum ruhte. Endlich war dieses miese Konzert vorbei, dachte Kramer bei sich. Der Applaus plätscherte dem Anlass angemessen höflich und fast ein wenig zu festlich dahin. Kramer biss die Zähne zusammen.
Und als gerade das letzte Patschen im Konzertsaal verhallte, wurde es Kramer wieder gewahr, warum er diese Konzert nicht ausstehen konnte. Dass es jedes Jahr aufs Neue das Gleiche war, war fast noch zu verschmerzen. Denn schon vor einigen Jahren hatte sich die Intendanz entschlossen zwischen Weihnachten und Neujahr die Stille zu füllen mit einer Konzertreihe. Diese Rauhnachtkonzerte in der dunkelsten Zeit des Jahres wurden ein fester Bestandteil der Symphoniker. Das Publikum bestand zumeist aus Dauerkartenbesitzern und Neureichen, die nur auf eine Gelegenheit gewartet hatten, ihre Garderobe auszuführen. Von Musik verstanden sie nichts. Aber das Schlimmste stand Kramer noch bevor, denn es war üblich, dass sich das Orchester mitsamt dem Dirigenten im Anschluss an das erste Rauhnachtkonzert zu einem, wie es sich nannte Umtrunk zum Publikum gesellten. Kramer brach innerlich zusammen. Die endlosen Belanglosigkeiten, die ausgetauscht wurden. Immer wieder Gattinnen von irgendwelchen wichtigen Namen, die einem von ihrer Musik erzählten. Sie spielten Klarinette, Geige oder noch schlimmer Cello. Kramers Bauch krampfte.
*
Kramer trank. Er stand mit einem Glas billigem Sekt neben der großen Treppe im Foyer. Er zog den Kopf ein. Bisher hatte ihn weder der Bürgermeister noch der Kulturbeauftragte entdeckt. Er blickte sich vorsichtig um, ohne sich dabei zu bewegen. Die Fluchtwege waren versperrt. Dort die Frau des Bankdirektors, Hauptsponsor der Konzertreihe und auf der anderen Seite Professor van Mellwingen. Kramer begann zu schwitzen. Er blinzelte. Ihm stieg etwas Rauch in die Augen. Eine Kerze oder ähnliches war aber nicht zu sehen.
Plötzlich stand eine junge Frau vor ihm. Sie trug ein enges Abendkleid. Kramer schluckte. Er hatte sie gar nicht kommen sehen. Nun bereute er, dass Wechselhemd vergessen zu haben. Kramer versuchte zu lächeln. Sie hob ihr Glas und lächelte zurück. Dann begann sie leider zu sprechen.
“Ich bewundere wie von Sie von crescendo zu diminuendo wechseln. Das Gefühl, das darin liegt. Es bringt mich zum Erbeben.” Kramer nickte und nahm einen großen Schluck. “Wissen Sie, mein lieber Maestro, ich bin nur wegen Ihnen zur Musik gekommen.” Sie blickte ihm tief und die Augen. “Kramer,” hauchte sie. “Sie werden heute Nacht noch Besuch von einem alten Freund bekommen.”
Kramer runzelte die Stirn und starrte die Frau an. “Was? Was haben Sie gerade gesagt?”
“Ich sagte, dass ich Cello spiele.”
“Ach?”, brachte Kramer hervor und leerte sein Glas in einem Zug. Die junge Frau lächelte ihn auffordernd an, aber Kramer war einfach nur noch müde. Die Augen juckten ihm, sein Hemd klebte und ihn fror ein wenig. Ohne Abschiedsgruß marschierte Kramer geradewegs auf den Ausgang zu. Er schaute weder links noch rechts.
“Guten Abend, Herr Kramer…”
“Der Maestro höchstpersönlich, wollen Sie vielleicht…”
“Gesellen Sie sich doch…”
“Herr Kramer?”
Die große Glastüre fiel krachend zu und es herrschte eine kurze Stille im Saal. Jemand hustete, wie es sich für eine Pause gehörte und irgendwo weiter hinten krachte ein Glas zu Boden.
*
Kramer zitterte. Er hatte Jacke und Schal liegen lassen. Es ärgerte ihn. Die Heizung im Wagen war kaputt, was ihn noch mehr ärgerte. Er fuhr ohne Ziel umher. Draußen nieselte es. Fast schon Schnee. Auf den Straßen war keine Menschenseele zu sehen. Kramer hatte wieder Rauch in den Augen. Er blinzelte. Und fast hätte Kramer eine rote Ampel übersehen. Eine alte Frau mit Rollator blickte ihn groß an als sein Wagen nur kurz vor ihr zum stehen kam. Sie starte Kramer böse an und murmelte etwas, was Kramer nicht verstand und rollte weiter.
“Gerade nochmal gut gegangen.”
“Das kannst du aber laut sagen,” antwortete Kramer. Kramer schluckte. Nicht schon wieder, dachte er bei sich und aus den Augenwinkel konnte er schon die kleine Kreatur auf dem Beifahrersitz sehen. Er verzerrte sein Gesicht und seufzte.
“Jetzt schau doch nicht so. Die Frau hat dir doch ausgerichtet, dass ich noch komme. Und passt doch gerade super, oder? Hast ja eh nix anderes zu tun.”
Kramer starrte in ein Knopfauge, an dem ein Hase aus Plüsch hing. Mehr als ein Auge hatte der Hase nicht, hatte auch schon immer nur eines gehabt, soweit sich Kramer erinnerte. Er erinnerte sich nicht mehr, wie das andere Auge verloren gegangen war.
“Ja, wenn du es schon nicht weißt, woher soll ich es dann wissen, Kramerlein.”
“Herr Kramer,” knirschte Kramer. “Wir waren wieder beim Sie.”
“Ach? Waren wir das?”
“Waren wir. Für Sie immer noch Herr Kramer.”
“Du hast doch nen Dachschaden, Kramerschen. Jetzt kenn ich dich schon über 53 Jahre. Ich kannte dich schon, da warst du noch kein schwitziger Jemand.”
Hinter Kramer hupte es. Erst fast gar zärtlich, dann immer aufdringlicher. Kramer hatte das andere Auto gar nicht bemerkt.
“Fahr mal weiter, Kramer. Kannst ja nicht den ganzen Verkehr hier aufhalten. Andere Leute haben ja schließlich auch noch was zu tun.”
*
Kramer schwieg. Und zu Kramers Ärgernis der Hase leider nicht. So fuhren sie aus der Stadt hinaus. Sie ließen blinkende Lichter an Balkonen und Tannenbäumen hinter sich. Der Hase quasselte noch eine Weile. Und irgendwann war es still. Sie polterten in absoluter Dunkelheit über eine Landstraße und Kramer hatte schon lange die Orientierung verloren. Einem anderen Auto waren sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr begegnet. Die meisten Menschen waren jetzt wohl zu Hause mit ihren Lieben. Und auch Kramer wäre jetzt gerne zu Hause gewesen. Mit einer lieben Flasche Whiskey. Müsste auch gar nicht unbedingt eine sehr teurere sein, sondern dem Zweck dienlich. Für Kramer war die dunkelste Zeit des Jahres, die Zeit in der er sich weg sperrte und somit die Welt gerne aussperrte.
“Da vorne kannst mal links rein fahren,” platzte es plötzlich aus dem Hasen heraus. Kramer hatte fast vergessen, dass er nicht alleine war.
“Wieso sollte ich?”
“Mach schon, los Herr Kramer! Ich bitte Sie.”
Kramer fuhr links. Vor ihm den Weg hinunter zwischen den Dünen lag eine kleine Hütte, dahinter das Meer. Aus dem Kamin stieg Rauch. Woher kamen die Dünen und das Meer? Wie lange waren sie denn bereits gefahren? Kramer wusste gar nicht, dass er noch so viel Benzin im Tank hatte.
“Das lass mal alles meine Sorge sein, Kramerlein. Und jetzt park die Karre mal hier.”
In der Hütte prasselte schon ein Feuer im Kamin. Kramer begann sogleich wieder zu schwitzen. Auf dem Tisch stand eine Flasche Whiskey und ein Glas.
“Nachträglich noch Frohe Weihnachten,” grinste der Hase. “Mach es dir gemütlich Meister Kramer. Bist doch sonst auch nicht so schüchtern.” Der Hase fläzte sich auf das Sofa und der Knopf starrte Kramer an. Kramer seufzte und ließ sich in den Sessel fallen.
“Nimm ruhig ‘nen guten Schluck. Jetzt kannst es noch mal krachen lassen. Zum aufhören wäre es jetzt eh zu spät.”
Der Whiskey gluckerte ins Glas und Kramer drückte den Korken zurück in die Flasche.
“Wieso zu spät?”
Der Hase glotzte Kramer an. “Nun, Kramerino, falls du es noch nicht weißt, heute machen wir Schluss. Wir beenden das ganze Kramer-Drama hier. Finito! Aus! Goodbye Herr Kramer. Der Maestro macht den Abgang.” Der Hase kicherte sichtlich amüsiert von sich selbst.
Kramer hustete. Der Whiskey kratzte im Hals.
“Na, na, hat der Maestro mal wieder den Mund zu voll genommen? Immer langsam. Ein bisschen Zeit hast ja noch.”
Kramer schenkte sich nach, ohne dass die Flasche leerer wurde. Wie konnte das sein? Er hatte doch eben noch ein großes Glas…
“Mensch Kramer! Jetzt sitzt du hier mit nem einäugigen Plüschhasen, aber wunderst dich wieso die Flasche nicht leerer wird. Du bist ja mal ne Kanone! Das war aber schon immer dein Problem. Du achtest auf die unwichtigen Details.”
Kramer stürzte das Glas hinunter und erschrak.
“Wie werde ich denn… ist der Whiskey vergiftet? Bringst du mich damit um?”
Der Hase lachte.
“Kramerlein, hast je ne Menge Phantasie. Das machst du schon selbst. Ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass du es machst. Klar?”
“Aber eigentlich will ich mich gar nicht umbringen. Selbstmord sieht so gar nicht nach mir aus.”
“Das ist keine Frage des Aussehens, Kramer. Wir reden hier nicht über Schuhe oder nen Mantel.”
Kramer starrte ins Feuer. Das Feuer knackte und ein wenig Rauch stieg auf. Er überlegte kurz.
“Ich will aber nicht sterben. Ich hab doch noch soviel… also ich kann gar nicht sterben, weil…” Kramer brach mitten im Satz ab. Er konnte das Meer draußen rauschen hören. Der Knopf starrte ihn erwartungsvoll an.
“Kommt noch was?”
Kramer schwieg.
“Ich sag dir jetzt mal was, Herr Kramer. Es ist doch so, dass dich keiner vermissen würde, oder? Es müsste auch keiner mehr Geige, oder Gott bewahre Cello anfangen zu spielen, nur weil du so ein toller Dirigent bist.” Der Hase kicherte. “Sind wir doch mal ehrlich, wie hast du denn die letzten Weihnachten so verbracht? War doch Mist!”
Kramer nickte.
“Siehst du, und irgendwie isses doch auch so, dass wenn du hier in der Einsamkeit stirbst, also so, dass es keiner mit bekommt, dann biste ja auch nicht wirklich gestorben. Wahrscheinlich isses dann eher so, dass du nie wirklich gelebt hast. Ist wie ein gutes Fleckensalz oder so. Damit kann man so ein kleines Malheur mal eben beheben. Danach ist alles wieder hasenrein.”
Der Hase prustete. Kramer sprang auf. Das Glas fest in der Hand. Er biss die Zähne zusammen und schmiss das Glas ins offene Feuer. Es klirrte und zischte kurz. Kramer ließ sich wieder in den Sessel fallen und schnaubte.
“Soll ich dir nochmal nachschenken, Maestro?”
Und noch bevor Kramer antworten konnte, hielt er ein neues Glas gut gefüllt mit bernsteinfarbenem Whiskey in der Hand. Kramer kippte das Glas in einem Zug.
“Das kann doch nicht sein. Ich muss doch, also, es kann doch nicht sein, dass ich einfach weg wäre. Das muss doch auffallen. Ich hab doch Verwandte, Freunde, Bekannte und meine Eltern. Die wissen doch, dass es mich gibt. Dann all meine Konzerte.”
“Ja, all die Konzerte,“ unterbrach ihn der Plüschhase, “die verhallen. Wie der Schall. Schall und Rauch! Schall und Rauch! Bleibt alles nicht für ewig! Und es kommt noch schlimmer, denk mal über Folgendes nach. Wie würdest du beweisen wollen, dass es den Rauch oder den Schall jemals gab? Ist doch weg, war nur kurz da, wenn überhaupt. Denn keiner hat’s gesehen! Puff! Aus! Sense! So wie der Kramer bald!”
Kramer atmete tief aus. “Ich glaub das alles nicht.”
“Kopf hoch, Signor Kramerino! Komm, ich zeig dir mal was.”
Und als Kramer den Kopf hob, flog ihm schon eine Schneeflocke ins Auge. Kramer zitterte. Er blickte an sich hinunter und stand knöcheltief im Schnee.
“Ich bin zu Hause.”
“Naja, eher im Garten. Stehst übrigens im Gemüsebeet, Kramerschen.”
Kramer stapfte zum Haus hinüber und schaute durchs Fenster. Der Plüschhase saß auf seiner Schulter. Drinnen stand ein prächtiger Weihnachtsbaum und Kramer konnte sich nicht daran erinnern, dass es jemals einen solchen Baum bei ihnen zu Hause gegeben hatte.
“Geh ruhig rein!” Sagte der Hase.
Und als Kramer sich gerade an die Wand lehnen wollte, fiel er auch schon ins Wohnzimmer. Es roch nach Braten und Zimt. Kerzen auf dem Tisch, auf dem zwei Gedecke standen. Kramers Mutter kam summend in die gute Stube und stellte den Braten auf den Tisch. Sie war so jung und soweit sich Kramer erinnerte, hatte seine Mutter noch nie so jung ausgesehen. Er kannte sie nur alt und müde. Am Klavier saß sein Vater und spielte.
“Leopold, es ist fertig. Du kannst kommen!”
Kramers Vater hörte auf zu spielen und lächelte. Er küsste seine Frau und sie hielten sich in den Armen. Sie betrachteten beide den Baum und setzten sich an den Tisch.
“Was für ein wundervolles Weihnachten,” sagte Kramers Vater.
“Und so ruhig und friedvoll. So soll es immer sein.”
Kramers Eltern waren plötzlich nicht mehr Kramers Eltern. Dort saßen zwei sehr ruhige und ausgeglichene Persönlichkeiten, die Kramer so nicht kannte. Sein Vater hatte keine dicken Tränensäcke unter den Augen und seine Mutter volles Haar. Und sie wirkten so verliebt, wie Kramer sie nie gesehen hatte. Sein Vater half der Mutter sogar beim anschließenden Abwasch. Kramer stand einfach nur da mit Plüschhasen auf der Schulter und starrte diese Varianten seiner Eltern an. Sein Bauch krampfte.
“Ich glaube wir sollten dann mal wieder. Was meinste, Maestro?”
Und noch bevor Kramer etwas sagen konnte, hielt er wieder den Whiskey in der Hand. Das Feuer brannte noch. Irgendwo war wohl wieder eine Kerze ausgegangen und Rauch stieg auf. Dahinter der Hase. Kramers Krämpfe wurden schlimmer und er nahm schnell noch einen Schluck.
“Und nu? Meinste wirklich, dass die dich vermissen würden? Sahen für mich recht glücklich aus die beiden so ohne dich.”
Kramer schnaubte. “Aber sie wollten doch ein Kind. Sonst hätten sie nicht…”
“Kramer, sollen wir uns das mal anschauen, wie es war als deine Eltern…”
Kramer hob sich schnell beide Hände an die Ohren. “Das will ich gar nicht wissen,” schrie er. Der Hase winkte mit beiden Pfoten und Kramer nahm die Hände wieder runter.
“Also Kramer, ich wollte doch nur sagen, dass man sich manche Sachen nicht aussuchen kann. Man kann schon einiges wollen, klaro. Aber am Ende kommt dann was ganz anderes. Ich glaube nicht, dass man sich so etwas wie dich wünschen könnte. Mal ehrlich.” Der Knopf blinkte kurz auf als der Hase kicherte.
“Ich bin doch aber auch wer. Ich habe doch einiges erreicht. Meine Musik. Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Ich weiß noch, wie meine Eltern in meinem ersten Konzert waren. Sie waren so gerührt. Mein Vater hatte noch Tränen in den Augen.”
“Ja klar, weil er gerade wieder aufgewacht war.”
Kramer blinzelte und schien sich an etwas zu erinnern. Er schwieg.
Dann holte er kurz Luft. “Und die ganzen Musiker? Mein Orchester? Ist das denn nichts?” Rauch stieg ihm plötzlich wieder in die Augen. Woher kam nur ständig dieser unerträgliche Rauch? Kramers Augen tränten. Dann hörte er plötzlich Violinen, Bratschen, Celli und Oboen. Kramers Orchester saß vor ihm. Kramer mitsamt Hasen stand in der letzten Reihe des Konzertsaales. Die Musik schwoll an und dann fegte das Orchester mit solcher Wucht durch den Saal, dass Kramer kurz vergaß zu atmen. Solch einen Auftritt hatte er noch nie erlebt. Die Einsätze stimmten, die Tempi waren fein abgestimmt und auch die feinen leisen Töne wurden so angeschlagen, wie es Kramer immer im Sinn hatte, wenn er dirigierte. Doch war es nicht Kramer, der da vorne stand und das Orchester leitete. Kramer sah nur einen Rücken im Frack. Und der Rücken dirigierte so leidenschaftlich, wie es Kramer selten gesehen hatte.
“Das nenn ich mal ein Brett. Haut einen voll um, was, Kramer?”
Kramer ignorierte den Hasen. Er wollte nur noch wissen, welcher Teufelskerl dieses Orchester zu solchen Höhen treiben konnte. Sie spielten mit einer Leichtigkeit, die Kramer nicht kannte. Sie lauschten der Musik. Dann verklang der letzte Ton des Konzerts und eine Stille lag im Raum. Das Publikum war noch ganz benommen und hier und da wurden Tränen der Freude aus den Augen gewischt. Dann brandete ein Applaus wie eine Sturmflut über das Orchester hinweg. Menschen sprangen von ihren Sitzen auf. Der Dirigent drehte sich um und riss die Arme nach oben.
“Lydia?” Entfuhr es Kramer. “Ist das Lydia?”
“Jap, das isse. Die Garderobiere. Hätteste nicht gedacht, was? Aber die hat Musik studiert. Und so ohne einen Kramer konnte sie die Dirigentin werden. War ja kein schwitziger Sack vorhanden, der den Posten für Jahre besetzte. Und was ein Konzert, oder? Sowas haste noch nicht gesehen.” Der Hase wischte sich eine kleine Träne aus dem Knopfloch. Kramer war noch ganz benommen von Musik und Orchester als ihm erneut Rauch in die Augen stieg. Dann hörte er wieder das Meer rauschen und das Feuer prasseln. Schall und Rauch mehr war es nicht. Vielleicht so wie ich, dachte sich Kramer.
“Jetzt haste es verstanden. Schall und Rauch, mein Lieber. Ist am Ende alles Jacke wie Hose. Also dann mal Deckel drauf und fertig.”
Kramer war sauer. Endlich war er sauer, darauf hatte er selbst eigentlich am ehesten gewartet. Er ließ sich doch nicht von so einem Hasen einreden, dass er ein niemand war und sein Leben wertlos. Besonders nicht von einem einäugigen Plüschhasen. Andere wurden heimgesucht von richtigen Geistern oder sogar Dämonen, dachte sich Kramer. Bei mir aber ist es ein Plüschhase, vor dem ich mich schon als Kind gruselte. Ein richtiger Dämon mit roten Augen wäre Kramer lieber gewesen. Da wusste man wenigstens, woran man war. Auch eine Hexe hätte es getan.
“Beschwer dich mal nicht, Kramerlein. Jeder bekommt das, was er verdient.”
Kramer schnaubte. Dann lehnte er sich zurück und trank von seinem Whiskey. Der Ärger verschwand, so schnell wie er gekommen war. Wahrscheinlich hatte der Hase recht. Alles nur Schall und Rauch. So wie seine Musik, so wie sein Ärger, so wie seine Gedanken, so wie der ganze Kramer. Und dann fasste Kramer einen Entschluss.
Kramer schwitzte nicht mehr. Kramer fror nicht mehr. Er war einfach nur noch sehr müde. Und dann nahm Kramer …
“Entschuldigen Sie! Hallo? Sie Schreiber? Einen Moment mal bitte!”
Ähm, Herr Kramer? Sie können nicht einfach so in meine Erzählung reinplatzen.
“Ihre Erzählung? Erst einmal geht es hier um mich! Und ich weiß, was Sie vorhaben und das mache ich nicht mit. Sie haben mir nicht mal einen Vornamen gegeben und jetzt soll ich mich umbringen, oder wie? So nicht mein Lieber, so nicht!”
Dann suchen Sie sich noch schnell einen Namen aus. Wie wäre es mit Benno? Oder vielleicht Karl?
“Glauben Sie tatsächlich, dass Sie mich so einfach abwimmeln können? Erst schreiben Sie mich in diese wirklich miese Erzählung und dann soll ich mich umbringen? Das nimmt Ihnen doch keiner ab.”
Es tut mir leid, dass Ihnen die Erzählung nicht zusagt, mein lieber Herr Kramer. Aber Sie sind eine fiktive Figur. Es gibt Sie nicht mal wirklich, also sterben Sie auch nicht wirklich Aber wie wäre es mit Walter? Oder Eberhard?
“Jetzt lenken Sie nicht ab. Sie reden ja schon genauso daher wie der dusselige Hase. Und Ihre Namensvorschläge sind einfach nur dämlich. Fällt Ihnen nichts besseres ein? Was für eine Art Schreiber sind Sie eigentlich? Und ich möchte nicht, dass es so endet. Das ist doch Humbug. Überlegen Sie sich bitte etwas anderes. Ich warte hier.”
Nun gut, mein lieber Herr Kramer. Dann lassen wir das Ende einfach offen. Dann könnte es ja noch eine Fortsetzung geben. Ja? Und wie wäre es mit Archibald oder Kasimir?
“Schon besser, aber ich dachte eher an etwas mit Klang. Etwas, das nachhallt bei den Leuten. So wie Ferdinand oder Friedrich.”
Also gut, dann Ferdinand Kramer. Können wir jetzt weitermachen mit der Erzählung?
“Dann lassen Sie das Ende eben offen, wenn Ihnen nichts Besseres einfällt.”
Herr Kramer, ich verspreche es Ihnen, das Ende bleibt offen, dann können Sie nochmal irgendwann Kramer sein. Wie wäre das?
“Aber dann Ferdinand Kramer, bitte,” sagte Kramer ein klein wenig zufrieden. Dann war er weg.
*
Als dann der neue Tag in kaltem Gelb Meer und Himmel trennte und alle Geister und Dämonen in die Schatten zurück drängte, stieg noch ein wenig Rauch aus der Asche und verblasste im Licht, als wäre er nie gewesen. So wie einen Kramer, den es vielleicht nie gegeben hat. Und ein einäugiger Plüschhase saß irgendwo in einer Ecke in einer kleinen Hütte am Meer.
Last Christmas (“Kramers letzte Weihnacht” English translation)
Kramer was soaked in sweat. His shirt clung to his back, and as always after a concert, he became acutely aware of how much he’d sweated. Even after all these years, it embarrassed him, and he hoped no one would notice the damp patches. He was a conductor, after all, not a marathon runner—or worse, a footballer. He shuddered at the thought. For Kramer, work was a matter of the mind, not the body—especially not his body, which he’d viewed as a necessary evil since childhood.
Unlike other conductors, who raised their arms high, sleeves darkened with sweat, Kramer had developed his own distinctive way of bowing. Arms crossed, he’d incline forward, resembling a guru from the Far East, calm and at peace with the universe. Finally the wretched concert was finally over, he thought, the applause pattered softly—a touch too ceremonious for his taste. Kramer gritted his teeth.
As the final applause faded, Kramer realised why he loathed these concerts. He could tolerate the fact that it was always the same, year after year. A few years ago, the artistic management had decided to fill the silence between Christmas and New Year’s with a concert series. These Twelve Holy Night Concerts, held during the darkest days of the year, had since become a staple of the orchestra’s repertoire. The audience, made up mostly of season ticket holders and nouveau riche, seemed more interested in flaunting their attire than appreciating the music. They had no real understanding of the art. But the worst part was yet to come: it was customary for the musicians and conductor to join the audience for drinks after the first concert. Kramer felt himself collapse inwardly. The endless, useless conversations exchanged—particularly with the wives of influential figures—filled him with dread. They often spoke of their musical “accomplishments,” boasting about playing the clarinet, the violin, or, even worse, the cello. It made Kramer’s stomach twist in knots.
Kramer drank, standing beside the grand staircase in the foyer, a glass of cheap champagne in his hand. He kept his head down. Neither the mayor nor the head of cultural affairs had noticed him. Carefully, he scanned the room, barely moving. His escape routes were blocked—on one side, the wife of the concert’s main sponsor; on the other, Professor van Mellwingen. A bead of sweat began to form. He blinked. Some smoke stung in his eyes. He couldn’t see the source—a candle, perhaps?
Then, suddenly, a young woman appeared in front of him. She wore a tight evening gown. Kramer swallowed. He hadn’t seen her approach. He regretted forgetting his spare shirt. Trying to mask his discomfort, he forced a smile. She raised her glass and returned the smile, but to his dismay, she spoke.
“I admire the way you move from crescendo to diminuendo,” she said. “The emotion you convey—it makes me shiver.” Kramer nodded, taking another gulp of his drink.
“You know, Maestro, you’re the reason I came to appreciate classical music,” she continued, her gaze locking with his. “Kramer,” she whispered his name, her voice low. “Tonight, you’ll be visited by an old friend.”
Kramer blinked, confused. “What? What did you say?”
“I said,” she smiled enigmatically, “that I play the cello.”
“Ah, really?” he managed, finishing his drink in one go. The young woman smiled expectantly, but Kramer was already beyond exhaustion. His eyes itched, his shirt clung uncomfortably, and a chill had settled over him. Without a word, he turned and headed for the main exit, walking briskly without looking back.
“Good evening, Herr Kramer…”
“The maestro himself! Don’t you want to…”
“Come over here…”
“Maestro Kramer?”
The heavy glass doors slammed shut, and for a moment, everything fell silent. A cough echoed in the distance, as customary during a break, and somewhere far behind him, a glass shattered on the floor.
Kramer shivered. He had forgotten his jacket and scarf, and the chill cut through him like a blade. To make matters worse, the heating in his car was broken. His annoyance grew with every passing moment. He drove aimlessly through the dark, deserted streets as a light drizzle, almost snow, misted his windshield. Not a soul was in sight.
Smoke curled into his eyes again, stinging and blurring his vision. He blinked rapidly and barely stopped in time for the red light. His tires screeched slightly as the car halted just short of the crosswalk. An old woman, wrapped in layers of scarves, glared at him as she crossed. Her sharp gaze pierced him, and though her muttered words were unintelligible, their tone was unmistakable.
“That was close,” Kramer muttered to himself.
“No kidding,” came a voice from his right.
Kramer froze. He swallowed, his heart sinking. Not again, he thought. From the corner of his eye, he could just make out a small figure perched on the passenger seat. Grimacing, he turned his head and sighed.
“Don’t look at me like that,” the creature said, its tone both casual and smug. “The nice lady warned you, didn’t she? And honestly, you’re lucky I showed up when I did. Perfect timing, as always. What would you even do without me?”
Kramer’s gaze fell on the speaker: a stuffed rabbit, tattered and worn. It had one remaining button eye, the other long since lost to time. He couldn’t remember how or when the missing eye had disappeared, though he was sure the rabbit had always looked like this.
“Don’t ask me,” the rabbit quipped, as if reading his thoughts. “If you don’t know, how should I, Kramerino?”
“Herr Kramer,” he corrected quietly.
“Oh, we’re back to being formal now, are we?” The rabbit’s fabric mouth twitched into something resembling a grin.
“Yes, we are,” Kramer insisted. “So if you’re going to address me, it’s Herr Kramer. Please.”
“You’re unbelievable,” the rabbit chuckled. “I’ve known you for over 53 years, Herr Kramer. Since before you became a sweaty, self-important somebody.”
The honk of a car horn cut through the tension. It was soft at first but grew louder and more impatient. Kramer glanced up, startled. He hadn’t noticed the light had turned green, nor the car waiting behind him.
“Go on,” the rabbit said with a smirk. “You’re blocking the road. Some of us actually have places to be.”
Kramer sat in silence, but to his irritation, the rabbit didn’t share his sentiment. Its voice filled the car as they left the town behind, passing blinking balcony lights and glittering Christmas trees that faded into the distance. The rabbit chattered on incessantly until, suddenly, it stopped. Silence descended as the car bumped along a rural road cloaked in pitch darkness. Kramer had long lost his bearings; they hadn’t seen another car for what felt like hours. Most people were likely at home, enjoying the warmth of their homes. Kramer wished he could be home, too—with a decent bottle of whiskey. Not an expensive one, just something reliable to see him through. The darkest time of the year was when he preferred to lock himself away from the world entirely.
“Turn left. Now!” the rabbit’s voice burst out, startling him. Kramer had almost forgotten he wasn’t alone.
“Why on earth should I?” he muttered.
“Just do it! Please, Herr Kramer.”
Sighing, Kramer obeyed. The car turned into a narrow path flanked by dunes, and there it was: a small hut perched against the backdrop of the sea. Smoke curled lazily from the chimney. Kramer frowned. Where had the dunes and the sea come from? How long had they been driving? He was certain his petrol wouldn’t have lasted this long.
“Don’t fret over details, Kramerlino,” the rabbit said smugly. “Now, park this rust bucket somewhere.”
The hut exuded a warm glow, and inside, a fire crackled in the hearth. Kramer felt beads of sweat forming on his forehead. On the table, a bottle of whiskey and a solitary tumbler awaited.
“Merry belated Christmas,” said the rabbit, grinning. “Make yourself at home, Master Kramer. No need to act shy now—you’re usually far from it.”
The rabbit hopped onto the sofa, its solitary button eye fixed expectantly on Kramer. He sighed heavily and dropped into the armchair.
“Go on, have a drink,” the rabbit urged. “Let it out. It’s far too late to quit drinking now.”
The whiskey poured in a smooth glug into the tumbler, and Kramer replaced the cork with a twist.
“Why too late?” he asked warily.
The rabbit’s button eye glinted as it stared at him. “Ah, Kramerino, haven’t you figured it out yet? This is it. We’re wrapping it all up tonight—your little Kramer drama, done and dusted! Finito! Auf Wiedersehen, Herr Maestro. The final curtain call!”
The rabbit chuckled, its laugh bouncing off the walls. Kramer took a long look at the amber liquid in his glass and sighed.
Kramer coughed. The whiskey burned rough in his throat.
“Ah, has the maestro overestimated himself? Take it easy. There’s still time left for you!”
He poured himself another whiskey, though the bottle never seemed to empty. How could that be? He had just poured a generous dram…
“Oh, my dear Kramer! Here you sit, talking to a stuffed rabbit, yet you wonder why the whiskey never runs out? You’re such an original! That’s always been one of your biggest flaws. You spend far too much time focusing on the trivial details of life!”
Kramer downed the whiskey in one gulp and froze.
“What if… Is the whiskey poisoned? Are you trying to kill me with it?”
The rabbit laughed, its voice both mocking and amused.
“Kramerlino, your imagination is truly boundless. No need to worry—I’m not here to kill you. You’ll manage that yourself. I’m just here to tell you how it’s going to be. Got it?”
“Well, for the record, I have no intention of killing myself. Suicide doesn’t suit me at all.”
“That’s not a matter of style, Kramer. This isn’t about shoes or coats—or suits, for that matter.”
Kramer stared into the fire. The flames crackled, and a wisp of smoke rose into the air. He pondered silently.
“I don’t want to die. There’s so much I still want to… No, I mustn’t die, because—” He stopped mid-sentence. The distant sound of the ocean reached his ears.
The rabbit’s button eyes glinted as it leaned in expectantly.
“Well?”
Kramer said nothing.
“Let me spell it out for you, Herr Kramer. Be honest—who would really miss you? No one would have to start playing the violin—or, heaven forbid, the cello—because of the great conductor.” The rabbit chuckled darkly. “Come on, hand on heart: How did you spend last Christmas? It was miserable, wasn’t it?”
Kramer nodded reluctantly.
“Exactly. Look at it this way: If you die here, alone, and no one even notices… well, then you’re not really dead, are you? Maybe you’ve never truly lived. It’s like with a good detergent—it cleans up a little mess, and voilà, everything’s spotless again.”
The rabbit’s laughter rang out again, sharp and cold.
Kramer leapt to his feet, gripping the whiskey glass tightly in his hand. His teeth clenched as he hurled the glass into the fire. It shattered with a hiss and clink, shards glinting in the dancing flames. He collapsed back into the armchair, sighing heavily.
“Another drink, Maestro?”
Before Kramer could reply, a fresh glass of amber whiskey appeared in his hand. He downed it again.
“This can’t be happening. I can’t just disappear. Someone would notice. I have relatives, friends, my parents—they know I exist! And my concerts…”
“Ah, yes, the concerts,” the rabbit interrupted. “They’ll fade away like every sound. All just ‘Schall und Rauch’—sound and smoke. Nothing lasts forever. And worse still, think about this: how would you even prove that any of it—your music, your legacy—was real? Sound is fleeting, Kramer. It’s there one moment and gone the next. No one sees it. No one holds it. It’s whoosh—over, out, gone! Just like you will be, very soon.”
Kramer took a deep breath. “I don’t believe a word of it.”
“Heads up, Signore Kramerino! Let me show you something.”
Kramer looked up just as a snowflake landed on his cheek, melting instantly. A shiver ran through him. He glanced down—his feet were ankle-deep in snow.
“I’m home.”
“Well,” the rabbit corrected, “you’re in the garden. Standing right in the vegetable patch, Kramerino.”
Kramer trudged toward the house and peered through the window. The rabbit perched on his shoulder. Inside, a magnificent Christmas tree stood, glimmering with lights and ornaments. Kramer couldn’t recall ever seeing such a beautiful tree in his family home.
“Go on, step inside,” urged the rabbit.
As Kramer leaned against the wall, he suddenly stumbled through it, landing in the cozy living room. The air was rich with the scent of roast and cinnamon. Candles flickered on a table set for two. His mother entered, humming a tune, carrying a steaming roast to the table. She looked radiant—youthful in a way Kramer had never seen. In his memories, she had always been tired and worn.
His father sat at the piano, playing softly.
“Leopold, dinner’s ready,” she called.
His father stopped playing, turned to her, and smiled. He stood, kissed her gently, and wrapped her in a warm embrace. Together, they admired the Christmas tree before settling at the table.
“What a lovely Christmas,” said Kramer’s father.
“And so quiet and peaceful, just as it should be.”
Suddenly, the two weren’t Kramer’s parents anymore—not as he knew them. Instead, they were two serene, happy people he had never seen before. His father’s face was smooth, free of the heavy bags under his eyes, and his mother’s hair was full and shining. They radiated love in a way Kramer couldn’t remember witnessing. After dinner, his father even helped with the dishes, smiling as he dried plates while his mother washed.
Kramer stood frozen in place, the stuffed rabbit still on his shoulder, watching these unfamiliar versions of his parents. His stomach churned with a deep, uncomfortable pang.
“I think it’s time we moved on. Don’t you?” said the rabbit.
Before Kramer could respond, he was back in the hut, holding his tumbler of whiskey. The fire crackled as it had before, and the faint scent of smoke curled through the air. Somewhere, a candle had burned out, leaving a thin wisp drifting upward. Beyond the smoke, the rabbit grinned.
The cramps in Kramer’s stomach tightened as he took another gulp of whiskey.
“So, now what?” the rabbit teased. “Do you really think they’d miss you? They looked pretty happy without you, didn’t they?”
Kramer exhaled shakily. “But… they wanted a child. They wouldn’t… they could have…”
“Should we take a little peek at the time your parents how they …” the rabbit began.
“Stop!” Kramer interrupted, clapping his hands over his ears. “I don’t want to hear it!”
The rabbit waved his paws, and Kramer’s hands fell back to his sides.
“Relax, Kramer,” said the rabbit. “I’m just saying—some things in life aren’t a choice. Sure, people want things; that’s natural. But in the end, life simply is what it is. And frankly, I can’t imagine anyone actively wishing for… well, you. Let’s be honest.” The rabbit’s button eyes glinted mischievously as it chuckled.
“But I am someone,” Kramer said defensively. “I’ve accomplished something in life—my music. My parents supported me. I remember seeing my father’s eyes well up with pride at my concerts. They were so moved.”
“Yes,” the rabbit quipped, “because he had just woken up again.”
Kramer blinked, his mind stirring with half-formed memories. He grew quiet, lost in thought.
Then he took a deep breath. “What about all those musicians? My orchestra? Is that nothing?” Once more, smoke stung his eyes. Where did all that nasty smoke keep coming from? Kramer blinked, tears welling up in his eyes. Suddenly, he heard violins, violas, cellos, and oboes. The orchestra was sitting in front of him. Kramer and the rabbit stood in the last row of the concert hall. The music grew louder, and then the orchestra surged through the hall, making Kramer forget to breathe. He had never experienced a performance like this. The timing was perfect, the tempos well adjusted, and even the subtle tones were exactly as Kramer had always imagined them when he conducted. But it wasn’t Kramer standing up there, leading the orchestra. He could only see the back of someone in a jacket. And that back conducted with such passion that Kramer had never seen before.
“That’s what I call a powerhouse! That blows you away, doesn’t it?”
Kramer ignored the rabbit. He just wanted to know who that daredevil conductor was. They played with an ease Kramer had never known. They listened to the music, and when the last note faded away, there was silence in the hall. The audience was totally absorbed, and here and there, people had tears in their eyes. Then the applause crashed like a tsunami over the orchestra. People jumped to their feet. The conductor turned around.
“Lydia?” Kramer exclaimed. “Is that Lydia?”
“Absolutely, that’s her. The cloakroom attendant. Wouldn’t have expected that, would you? Well, she studied music. And with no Kramer around, she could become the conductor. There’s no sweaty old fart holding onto that position anymore. What a concert! I’ve never seen anything like that before!” The rabbit wiped a tear from his button. Kramer was still stunned by the music and the orchestra when more smoke stung his eyes. Then, there was the sound of the ocean again. Schall und Rauch—sound and smoke—nothing more. Perhaps just like I am, Kramer thought.
“Now you’ve got it. Schall und Rauch, my dear. In the end, it’s all the same. Close the cupboard, finish up, switch off the lights. Over and out.”
Kramer was angry. Finally, he was angry; he had been waiting for it. He didn’t want to be bossed around by a rabbit telling him how useless his life was. Especially not by a one-eyed stuffed toy rabbit. Others were haunted by real demons or spirits, Kramer thought. For him, it was that rabbit, which he had feared when he was a child. A real demon with red eyes—that’s something one could expect. Even a witch would be better.
“No complaining, Kramerino. You get what you deserve.”
Kramer inhaled. Then he leaned back and drank some more whiskey. The anger vanished as quickly as it appeared. Perhaps the rabbit was right. Schall und Rauch. Like his music, his anger, his thoughts, and the whole of Kramer. Kramer made up his mind.
Kramer stopped sweating. He didn’t feel the cold anymore. He was just really tired. And then Kramer took…
“Excuse me! Hello? You, writer! Just a moment. Please!”
Ehm, Herr Kramer? You can’t just interfere in my story.
“Your story? First of all, this is about me. And I know exactly what you want to do, and I don’t want to be a part of it. No! I don’t even have a first name, and now you want to kill me off? “
Then choose a name quickly. What about Benno? Or Karl?
“Do you really believe you can get rid of me that easily? First, you write that mediocre story, and then I should kill myself? No one will buy that rubbish.”
I’m terribly sorry that you don’t like my little story, my dear Kramer, but you’re a fictional character. You’re not real, so you don’t really die. But how about Walter? Or Eberhard?
“Don’t change the topic. Now you’re talking like that stupid rabbit, and your ideas for names are just silly. Couldn’t you come up with something better? What kind of writer are you, anyway? I just don’t want it to end like this. This is humbug. Think of something else. I can wait.”
Well, okay, my dear Herr Kramer. Why don’t we leave it like that? Open ending. Then we could do a sequel. And what about Archibald? Or Kasimir?
“Much better, but I was thinking of something more royal. Something that resonates with the people. Ferdinand or Friedrich.”
Well, okay then. Ferdinand Kramer it is. Could we go on now with the narration?
“Then leave it open, the ending, if you can’t think of anything else.”
Herr Kramer, I promise an open ending, and then you can be Kramer again one day. How does that sound to you?
“But then I want to be Ferdinand Kramer, please,” Kramer said, a little satisfied, and then he vanished.
As the new day, in cold yellow, separated the sea and the sky, and all the spirits and demons were sent back into the darkness, a bit of smoke rose from the ashes and faded into the light as if it had never been. Like a Kramer who perhaps had never been, too. And a one-eyed stuffed toy rabbit sat somewhere in a corner of a little hut by the sea.
Gartenlaube (2024 – Dritter Platz beim Signatur Literatur Kurzgeschichtenwettbewerb)
Überall war Schmerz. Helen spürte den schweren Balken auf ihrer Brust. Sie starrte in den blauen Himmel. Keine Wolke war zu sehen. Sie wollte schreien, bekam aber keine Luft. Dann tauchte Hugos Gesicht im blauen Himmel auf. Endlich.
Hugo schloss die Haustür auf. Es war still. Kein Laut war zu hören. Vermutlich arbeitete Helen draußen im Garten. Er lugte aus dem Fenster und konnte ihre Beine auf der Leiter in der Laube sehen. Er beobachtete sie eine Weile, dann drehte er sich um und machte Kaffee. Während das Wasser zu kochen begann, beobachtete Hugo wie die Blätter der alten Eiche im Wind tanzten. Er löffelte zwei Häufchen Nescafé in seine Lieblingstasse und goss das kochende Wasser darüber. Er roch an dem heißen Kaffee und schloss die Augen. Er genoss den bekannten Geruch und nahm einen kleinen Schluck. Dann krachte es laut im Garten. Hugo öffnete die Augen und stellte die Tasse behutsam wieder ab. Er atmete aus und ging in den Garten. Die Laube war nur noch ein Haufen Schutt. Er stand davor und blickte über die Balken, Bretter und Ziegel. Dann fand er ihre Augen, die ihn zwischen zwei Balken hervor anschauten. Kein Blinzeln. Nichts. Der Kaffee würde kalt werden. Er ging wieder ins Haus.
Hugo saß in seinem gemütlichen Sessel. Die Füße hochgelegt in wollig-warmen Socken. Der Frühling ließ noch auf sich warten. Er las in der Zeitschrift “Camping und Outdoors”, obwohl er nie zelten ging. Aber er wäre gerne so jemand. “Könnten wir es nicht einfach reparieren? Also, ich meine, lässt es sich überhaupt noch reparieren?” Hugo gab keine Antwort und Helen fragte erneut. “Könnten wir die Laube nicht einfach reparieren? Also wir beide. Jemanden zu beauftragen, könnte teuer werden. Hugo? Was meinst du?” Er murmelte etwas. “Nun, wir könnten es doch versuchen, oder?” Hugo lächelte kurz und las weiter. “Wir könnten es ja morgen mal genau anschauen. Dann machen wir einen Plan und eine Liste mit Werkzeug und Material. Du hast noch niemanden angerufen, oder?” Hugo seufzte. “Ich werde mal ins Bett gehen”, sagte er. “War stressig heute.” Er winkte ihr kurz zu und ging nach oben. Helen presste ihre Lippen aufeinander und wechselte den Fernsehsender.
Ein Jahr später saß Hugo in der neuen Laube. Er schlürfte an einer Tasse Nescafé und blätterte durch “Camping und Outdoors”. Frau Nolde lief vorüber und winkte kurz. Hugo verzog seinen Mund zu einem Lächeln und nickte.
Helen schaute hinaus zur alten Gartenlaube. Ziegel fehlten, abgeblätterte Farbe und teils mit Efeu überwuchert. In die Jahre gekommen, sagte Hugo, genauso wie ihre Ehe, fügte er meist lachend hinzu. Verkniffen lächelte Helen dann. Hugo hatte die Laube selbst gebaut. Sie waren damals frisch eingezogen. Von einer altmodischen Laube mit verzierten Säulen und Wetterhahn hatte sie als Kind schon geträumt, hatte sie ihm gesagt. Und zwei Wochen nach Einzug stand sie dort. Für sie. Nur für sie. Sie saß oft dort und las. Manchmal lief Frau Nolde vorbei, grüßte kurz. Helen mochte Frau Nolde, da sie nicht aufdringlich war und ihr Haus nebenan hinter einer dichten Hecke lag. Sie genoss die vermeintliche Abgeschiedenheit. Kaum jemand konnte sie sehen.
“Ein tapferer Mann.” Frau Nolde räumte die Teller ab. “Ist es nicht schrecklich, wie sie starb? Ich möchte mir das gar nicht vorstellen und jetzt hat er eine neue Laube gebaut. Als Erinnerung, wie das Taj Mahal. Und jeden Tag sitzt er da, alleine mit seinem Kaffee.” Ohne aufzuschauen murmelte ihr Mann etwas. Ihre Stimme wurde schriller. “Ich erinnere mich an diesen Tag.” Ihr Mann gähnte.
“Ich habe sie erst nicht gesehen. Und dann diese Augen. Ich dachte sie lebt noch.” Frau Noldes Stimme brach weg.
“Ich weiß doch, ich weiß”, sagte er und blätterte seine Zeitung um.
“Krankenwagen und Feuerwehr waren so schnell. Aber alles zu spät. Er sitzt dort ganz alleine.” Frau Nolde schnäuzte sich. “Ach, hätte ich sie doch nur früher gefunden. Wäre ich nur rausgegangen, als es so krachte. Aber ich dachte, ich dachte…”, wieder brach die Stimme weg.
“Ich weiß, Liebling. Die Müllabfuhr.”
“Die Müllabfuhr”, schluchzte Frau Nolde. Sie weinte und stellte die Spülmaschine an.
Eines Tages im Herbst, als sie in ihrer Laube saß, schaute sie von ihrem Buch auf und sah Hugo am Fenster stehen. Sie lächelte und er winkte. Dann nahm er einen Schluck aus seiner Lieblingstasse und drehte sich um. Ein kühler Wind kam auf. Sie schauderte. Helen bemerkte, dass an manchen Stellen die Farbe langsam abblätterte. Spätestens nächstes Jahr, dachte Helen, müsste man die Laube neu streichen.
Sommer – Fragmente (2019 – Erster Platz beim IBC Kurzgeschichtenwettbewerb)
Die Ebene war hügelig und Mauern begrenzten halbhoch allerseits die Horizonte. Nur der Himmel darüber, himmelblau, wie auch sonst, kannte keine Grenze. Überall stand hohes Gras ausgedörrt und bleich von der Sonne. Gegen die Waldränder hin wogen blaue Kornblumen und dazwischen flammte der Mohn kurz auf.
Über ihn wurde nach der ganzen Sache kaum mehr gesprochen und das lag auch daran, dass kaum jemand etwas über ihn wusste. Aber über sie wurde gesprochen. Was aber davon der Wahrheit entsprach, blieb im Dunkeln verborgen. Ihn hatte man gefunden. Sie wurde gesucht. Zuvor war es anders gewesen, da hatte er sie gesucht und sie ihn gefunden.
Eine Frau in blauem Sommerkleid eilte in langen Schritten über die Straße, sie hielt eine Hundeleine in ihrer Rechten. Und in der Ferne grollte es in den Himmeln, so dass die Menschen auf kühlen Regen hofften. Dies Hoffen aber sollte unerhört bleiben.
Dann saß er dort an eine der vielen Mauern gelehnt im Gras. Die Augen standen offen in den Himmel gerichtet. Eine Fliege landete auf seiner Stirn und er zuckte nicht einmal. Er hatte sie geliebt. Soviel wusste er damals, aber ob sie davon gewusst hatte, wusste er wiederum nicht. Das hohe Gras hatte ihre nackten Beine gekitzelt und ein Brummeln hatte die Mauern umweht. Der Schweiß hatte ihm im Nacken gestanden. Ihr Körper hatte nach Salz geschmeckt. Ob vom Schweiß oder den Tränen wusste er nicht mehr.
Tage zuvor hatte er sie zum ersten Mal gesehen. Sie hatte getanzt, wie so viele in dieser Nacht. Die Kühle der Dunkelheit hatte den ganzen Ort aus ihren Mauern getrieben. Und zwischen ein paar Nachtigallen und dem Grillenzirpen hatten sich ein paar Menschen unter bunten Lichterketten zum Tanz eingefunden. Er hatte nicht getanzt. Seine Beine waren zuvor schon zu schwer gewesen. Der Wein hatte den Rest getan. So hatte er dort gesessen, den Kopf in die Hand gestützt und den Blick in die unbestimmte Ferne gelegt. Sie hatte dort alleine getanzt. Es war niemand bei ihr gewesen, der ihre Hand gehalten hatte. Sein Blick blieb an ihr hängen und tanzte von da an mit ihr. Manchmal hatten seine weingetrübten Augen sie kurz verloren, doch dann machte sie es ihnen wieder leicht ihr zu folgen. Sie hatte dann neben ihm gesessen. Es ging dann alles ganz schnell. Später war die Musik aus und noch ein paar Frösche quakten für den Rest der Nacht.
Ein streunender Hund lief schnurstracks über die staubigen Straßen. Die Zunge hing ihm weit aus dem Maul. Die bunten Lichterketten hingen bedeutungslos zwischen den Bäumen.
Die Tage darauf lagen sie immer wieder im Schatten vor den Mauern. Irgendwo, wo sie sonst keiner sehen konnte. Zwischen den Küssen redete sie, er schwieg und hörte zu. Er war verliebt. In ihren Haaren steckten Gänseblümchen, die auf der Schattenseite der Mauer wuchsen, wo es noch feucht genug war.
Irgendwo in der Nähe kühlte ein Wanderer seine Füße in einem Gebirgsbach bis ihn die Kälte so schmerzte, dass er es fast nicht mehr aushielt. Eine Wasseramsel badete unbeeindruckt auf der anderen Uferseite.
Er wusste ihren Namen nicht und hatte vergessen danach zu fragen. Sie trug leichte Sommerkleider. Er hatte sie zuvor noch nie gesehen. Sie sagte, dass sie nicht von hier sei. Ihn kümmerte das nicht, denn er liebte ihre Sommersprossen. Er zeigte ihr die Mauern, die das ganze Land hier durchzogen. Der Horizont lag immer irgendwo dahinter.
Zwischen den Mauern schwang ein alter Bauer seine Sense. Sein ledriger Rücken glänzte in der Sonne und ausgezehrt traten die Muskeln bei jedem Sensenhieb hervor. Ein wenig abseits stellte ein Rehkitz die Ohren und duckte sich schnell hinunter ins hohe Gras.
Dann brach es aus ihm heraus. Woher es kam, wusste er nicht, aber er liebte sie, das wusste er. Der Stein hatte wohl schon vorher irgendwo im Gras gelegen auf der kühlen Seite der Mauer. Es kann auch sein, dass der Stein einmal ein Teil der Mauer gewesen war und aus ihr heraus gefallen war. Sie schrie nicht und wehrte sich nicht. Er spürte diese enorme Hitze und ein warmer Wind drückte ihn gegen die Mauer. Dann war es vorüber.
Blinzelte man gegen die Sonne konnte man Vögel kreisen sehen. Sie hielten Ausschau nach abgemähten Wiesen.
Er ließ los und sie lag dort in ihrem leichten Sommerkleid und die Gänseblümchen verstreut im Gras. Sie atmete schwer und ihr Blick war leer. Dann fand ihre Hand den Stein. Er stützte sich noch einmal auf und wollte sich an der Mauer hoch ziehen, dann sackte er zusammen und starrte in den blauen Himmel.
Über manche der Mauern schauten Sonnenblumen zur Sonne hinauf. Während Ameisen an ihren Stängeln auf und ab liefen. Ein kleiner Distelfink landete auf einer blauen Karde und pickte.
Das Blut versickerte im kühlen Grund. Der Sommer lag auf der anderen Seite der Mauern. Dort, wo es heiß genug war, so dass die Eidechsen sich sonnten und dann wieder verschwanden.
Sie war fort. Und keiner wusste von ihr.
Alec (2016 – Zweiter Platz beim Signatur Literatur Kurzgeschichtenwettbewerb)
Alec war ein Besonderer. Ich stand oft an der Seitenlinie oder mit dem Kinn aufgelegt an der Bande. Ich war gerade eben so groß, dass ich mein Kinn darauf auflegen konnte. So verfolgte ich das Spiel. Kinn aufgelegt und die Arme über die Bande gehängt. Die Erwachsenen um mich herum standen mit krummen Rücken. Gebeugt standen sie meist einige Meter von mir entfernt. Wenn das Spiel langweilig wurde, ließ ich mich von der Stange der Bande herunterbaumeln. Manchmal legte ich dann den Kopf in den Nacken und blickte in den Himmel. Der war immerzu blau. Ich erinnere mich an keinen grauen Tag, wenn Alec spielte. Und eigentlich auch an kein langweiliges Spiel. Das lag an Alec. Alec war mehr am Ball als alle anderen. Er war nicht größer als die anderen. Er war auch nicht muskulöser als die anderen. Doch war er schneller am Ball als die anderen. Immer eine Fußspitze flinker nur. Und ehe der Gegenspieler bemerkte, dass der Ball weg war, war Alec schon auf und davon in Richtung Tor. Wir schrien dann immerzu vor Begeisterung. Alec schoss recht viele Tore. Wieviele es waren, weiß ich gar nicht. Martin behauptet auch heute noch, dass es weit über 200 in einer Saison gewesen sein sollten. Ich glaube das aber nicht. Und ehrlich gesagt, ist Martin der jüngste von uns dreien. Und auch wenn er heute in einer Bank arbeitet, waren Zahlen noch nie seine Sache. Und woher hätte er es auch wissen sollen. Niemand hat das damals aufgeschrieben. Ich bewunderte Alec, für das was er war. Und ich tue es auch heute noch. Betrachte ich die Bilder von damals, sehe ich ihn immer noch laufen. Sehe seine elegante Gestalt, die über den Platz schnellt und dabei kaum den Rasen berührt. Elegant war er. Und er hatte noch diesen Blick für seine Mitspieler. Fast blind gelang ihm jedes Zuspiel. Auch an allen anderen Tagen und außerhalb des Platzes war Alec ein Teamspieler. Er war aufmerksam und freundlich zu jedermann. Er hielt die Türen für wen auch immer auf und trug so manche volle Einkaufstasche für eine ältere Dame bis zu deren Haus. Niemand hätte Böses von ihm gedacht. Und ich glaube auch noch heute fest daran, dass ihm dies niemand zugetraut hätte und auch heute noch niemand würde. Aber vielleicht sollten wir eben genau dieses. Vielleicht sollten wir uns gegenseitig alles zutrauen, um uns so die Bilder zu nehmen, die wir uns voneinander machen. So nähmen wir uns auch den Schrecken vorweg, der uns immer dann ereilt, wenn etwas geschieht, was nicht in dieses oder jenes Bild passt. Und die Welt wäre erleichtert von jenen Menschen, denen kurz der Atem stockt und die dann gleich den nächsten Zug nutzen, um solche Sätze zu sagen, wie “Das hätte ich niemals gedacht.” Als ob die Welt jemals in der selben Bahn laufen würde. Als ob sie sich darum schere, was wir hier denken, glauben und wünschen.
Seit wir kleine Kinder gewesen waren, schliefen wir hin und wieder beieinander. Hatte einer von uns einen bösen Traum, so konnte er immer zu einem der anderen ins Bett kriechen. Und es war uns lieb, dass wir einander hatten, denn keiner wollte Vater oder Mutter wecken. Besonders Vater, der oft einfach los raunzte, so dass es mir heute noch unwohl wird, wenn ich daran denke. So war es nicht ungewöhnlich, dass Alec bei mir im Bett schlief. Er kam einfach nachts in mein Zimmer. Er schloss die Tür ganz leise hinter sich, hob die Decke an und legte sich neben mich. Ich musste mich nicht klein machen oder zur Seite rutschen, da ich klein war. Wenn Alec sich zu mir legte, fühlte ich mich sicher, wie man sich nur bei seinem großen Bruder fühlen kann. Ich drückte mich an ihn ran und hielt ihn fest. Und wenn ich seinen Atem ruhiger werden hörte, schlief auch ich ein. Oftmals wünschte ich mir, das mein zukünftiger Ehemann so sein sollte. So wie Alec. Elegant und freundlich. Einen, auf den man stolz sein könnte. Einem, bei dem man sich sicher fühlen könnte. Geborgenheit und Wärme, wie man sie kaum findet.
Doch eines Nachts, ich weiß nicht mehr wann, wurde sein Atem nicht mehr ruhiger. Ich weiß nicht mal mehr, ob es Sommer oder Winter war. Er nahm lange tiefe Atemzüge, doch diese immer in kürzer werdenden Abständen. Dann sprang er aus dem Bett und rannte aus dem Zimmer. Ich war damals zu klein, um ihm nachzulaufen oder ihn zu fragen, was denn los sei. Zu Beginn dachte ich noch, dass Alec krank wäre. Ich malte mir aus, wie er keine Luft mehr bekam. Ich sah ihn vor mir, wie er sich an den Hals fasste und seine Zunge herausstreckte, bis es nicht mehr ging. Kreidebleich war sein Gesicht und die Augen weit aufgerissen. Dabei krümmte er sich am Boden und ich konnte nichts tun, außer zuzuschauen. Bisweilen träumte ich sogar von solchen oder ähnlichen Szenen. Am Morgen nach einem solchen Traum konnte ich mich nur noch an sein bleiches Gesicht erinnern und manchmal nicht einmal mehr an dieses, sondern hatte nur dieses Gefühl in mir, dass etwas Schreckliches geschehen war. Die Träume kamen von da an immer häufiger.
Eines Nachts, als Alec wieder bei mir lag und der Atem wieder nicht ruhiger wurde, spürte ich seine Hand an mir. Zuerst war es nur die eine. Dann kam die zweite hinzu. Ich lag recht nahe bei ihm, so wie wir es immer gemacht hatten. Wieder wurde sein Atem schneller. Ich spürte immer mehr von Alec. Dann wurde es dunkel und die Welt verließ mich. Ein Schlag und alles drehte sich wie ein Glücksrad auf dem Rummel. Ein großer schwarzer Vogel flatterte über die Zeit und legte seine Schwingen über alles, was ich bis dahin kannte. Und nicht mal einen Blitzschlag später waren die Planeten aus den Fugen. Sie liefen von da an anders. Ich erinnere mich erst wieder daran wie Alec aus dem Zimmer rannte. In der Tür stand Martin und schaute mich an, dann schloss er leise die Türe. Ich muss danach in einen tiefen Schlaf gefallen sein mit seltsamen Träumen, denn ich weiß noch, dass ich am nächsten Morgen mit wieder diesem Gefühl aufgewacht bin. Und noch etwas war anders. Damals konnte ich es nicht benennen und noch nicht einmal grob einordnen. Heute weiß ich es wenigstens einzuordnen, aber benennen kann ich es immer noch nicht. Doch fühlte es sich so an, als sei man kurz der einen Welt entrückt und dann ganz plötzlich in einer anderen aufgeschlagen. Zurück in die alte Welt kann man nicht mehr.
In der Zeit nach dieser Nacht verhielten sich alle wie immer. Nichts, aber auch rein gar nichts war anders. Es war fast so beängstigend normal, dass es mich betäubte. Ich lief einfach mit. Wahrscheinlich sollte man so erwachsen werden. Von einem Schlag auf den Kopf, den man nicht kommen gesehen hatte. Einfach geweckt worden. Alec, aber schlief von da an nie mehr in meinem Zimmer.
Alles verlief in gleichen Bahnen und wäre wahrscheinlich so weiter gelaufen, wenn nicht ein weiterer Schlag das Weltenkarussell aus der Bahn geworfen hätte. Es müsste noch an einem Abend im selben Jahr zur Adventszeit gewesen sein. Es schneite recht heftig, was ungewöhnlich war für Dezember, da kam Alec nicht vom Fußballtraining nach Hause. Er blieb sonst nie länger, aber keiner wollte sich zuerst davon verrückt machen lassen. Später suchte die Polizei. An Heiligabend blieben Geschenke unterm Baum unberührt und auch ich wollte meine erst gar nicht öffnen. Martin drückte mir dennoch ein kleines Päckchen in die Hand. Darin war ein Bleistift und ein Notizbuch. Er hatte es wohl selbst verpackt, denn das Geschenkpapier war uneben und krumm geschnitten. Ich blickte auf das Papier und eine Träne lief mir die Wange hinunter.
Und nun, jetzt gerade und hier sitze ich über diesem Notizbuch und schreibe, dass Alec gefunden wurde. Zehn Jahre später fand man die letzte Reste seines Körpers in einem Waldstück unweit des Fußballplatzes, an dessen Bande ich mich immer aufstützte, wenn Alec spielte. Ich bewundere Alec immer noch. Und mehr kann ich dazu nicht sagen. Außer vielleicht, dass der Himmel immer noch blau ist, wenn ich meinen Kopf in den Nacken lege. Auch wenn die Welt hier unten seit damals eine ganz andere ist.